Ingelheimer Fachkongress 08. März 2018

Droht die Gefahr eines Bildungsexits?

Fotos in diesem Beitrag:

Karin Berneburg (Fotografin), Wolfgang Wünschel (Chefredakteur der Zeitschrift Reale Bildung in Rheinland-Pfalz) und Wilfried Rausch (Landesgeschäftsführer)

VRB-Landesvorsitzender Timo Lichtenthäler (RLP) eröffnete den 8. Ingelheimer Fachkongress in der Fridtjof-Nansen-Akademie in Ingelheim mit dem Zitat des Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung Thomas Krüger: „Engagement für die politische Bildung ist Engagement für die Demokratie.

Bildung ist unser wichtigstes Werkzeug für die Zukunft Deutschlands. Diese Binsenwahrheit wird seit Jahrzehnten in Reden und Diskussionen beschworen, aber es scheint sich nichts zu ändern.“ Lichtenthäler forderte: „Wir brauchen Antworten auf die Fragen unserer Kinder und Jugendlichen, die in Zeiten eines neu auftrumpfenden antieuropäischen und nationalen Populismus aufwachsen! Wir müssen Werte benennen, die für uns in Zeiten einer sich immer ausdifferenzierenden pluralistischen Gesellschaft nicht verhandelbar sind. (...) Wollen wir die Schicksalsgemeinschaft Europa stärken, darf es keinen Bildungsexit geben.“

Landesvorsitzender Timo Lichtenthäler: „Europa muss eine Wertegemeinschaft entwickeln!“

Michael Eich, stellvertretender VRB-Landesvorsitzender,  ging in seiner programmatischen Rede auf die aktuelle Bildungspolitik ein und erläuterte den Leitgedanken des Ingelheimer Fachkongresses. „Warum verbindet unser Motto Europa mit Gefahren für die Bildung? (...) Vieles der aktuellen gesellschaftlichen und bildungspolitischen Herausforderungen sind nur im Kontext europäischer Politik nachvollziehbar.“

Michael Eich: „Wir haben für viele aktuelle Herausforderungen mit dem Konzept ‚Realer Bildung’ die passenden Ansätze und Angebote.“

Vorstellung der Arbeitskreise

Der Ingelheimer Fachkongress steht für praxisorientierte Unterstützung von Lehrkräften. Timo Lichtenthäler (li.) und Michael Eich (re.) versprechen in der Anmoderation der Arbeitskreise wertvolle Anregungen und Impulse durch kompetente Referenten und Fachleute.

Rita Petry
ist Geschäftsbereichsleiterin „Berufsbildung“ der Handwerkskammer der Pfalz, Vertreterin des Arbeitskreises „Berufsbildung“ der Handwerkskammern und alternierende Vorsitzende des Landesausschusses für Berufsbildung. Angesprochen wird in ihrer Gesprächsrunde der sog. Akademisierungswahn, der Fachkräftemangel und Perspektiven des Bildungssystems.
Arbeitskreis 1: Zukunftschancen

Wolfgang Redwanz
war vormals Fachleiter für Sozialkunde, Schulleiter und Koordinierender Referent der Außenstelle Schulaufsicht Koblenz. Sein Arbeitskreis befasst sich mit der Problematik des Rechtspopulismus in Europa und insbesondere damit, wie Schule damit umgehen kann.
Arbeitskreis 2: Politische Bildung

Dr. Florian Pfeil
ist Geschäftsführer der Ingelheimer Fridtjof-Nansen-Akademie und leitet seit fast zwei Jahren ein von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördertes Modellprojekt zum Thema„Regionales Kompetenzzentrum Flucht, Migration, Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt“. Dort beschäftigt er sich auch mit den gesellschaftlichen Veränderungen in Deutschland (Schlagworte: „Populismus und Extremismus“). Sein Arbeitskreis widmet sich dem Thema „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“, der in Deutschland auf der Kippe zu stehen und sich zu verändern scheint.
Arbeitskreis 3: Multikultur und Integration

Sabine Lioy
ist Referentin beim Pädagogischen Austauschdienst der Kultusministerkonferenz. Sie kümmert sich um internationalen Austausch im Schulbereich und ist für EU-Programme im Bildungsbereich (Erasmus plus, früher Comenius) zuständig. Sie stellt in Ihrer Gesprächsrunde vor, wie sich die Vermittlung von Kultur und Sprache fördern lässt und welche Möglichkeiten es für Sprache und Sprachvermittlung im Rahmen von EU-Programmen gibt.
Arbeitskreis 4: Sprache und Sprachvermittlung

Manuel Lillig
ist Schulpsychologe im Beratungszentrum Bad Kreuznach und als Schulpsychologe landesweit Stellvertreter im Bereich Koordination, Qualifizierung, Krisenberatung und Krisenintervention. Im Mittelpunkt seines Arbeitskreises steht schwerpunktmäßig der Umgang mit traumatisierten Kindern mit Fluchterfahrung.
Arbeitskreis 5: Wertewandel und Erziehung

Arbeitskreis 1: Zukunftschancen

„Akademisierungswahn“, „Fachkräftemangel“ und „Wohin geht’s mit unserer Bildung?“ Diesen Aspekten stellten sich die Referentin Rita Petry und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Arbeitskreises „Zukunftschancen“. Die Expertin erklärte, dass die Ausbildungszahlen aktuell stetig abnehmen, die Zahl der Studienanfänger dagegen zunimmt. Dies habe zur Folge, dass bis 2030 voraussichtlich ein Fachkräftemangel von ca. drei Millionen Erwerbstätigen entstehe.

„...frühzeitig intervenieren und präventiv arbeiten.“

„Wie können wir gemeinsam Möglichkeiten finden, junge Fachkräfte zu gewinnen und damit dem Akademisierungswahn entgegenzuwirken?“ Wenn fast 40% aller Studierenden ihr Studium abbrechen, müsse man gegensteuern, das heißt, frühzeitig intervenieren bzw. präventiv arbeiten.
Angesichts der Tatsache, dass die duale Ausbildung im Ausland hohes Ansehen genießt, waren sich die Arbeitskreisteilnehmer darin einig, dass ihr auch in Deutschland wieder mehr Wertschätzung zuteilwerden sollte. Es müsse den jungen Menschen vermittelt werden, dass eine duale Berufsausbildung genau so viel wert ist wie ein Studium.
Dokumentation: Anna Becker und Wolfgang Seebach

Arbeitskreis 2: Politische Bildung

Schule stehe in einem europäischen Kontext, stellte Wolfgang Redwanz in der Vorstellungsrunde seines Arbeitskreises fest. Und in Europa geht ein Gespenst um – das Gespenst des Rechtspopulismus. Die Zivilgesellschaft setzt sich damit politisch auseinander und stellt dabei die entscheidende Frage „Wo liegt die spezifische Verantwortung von Schule?“

,,… politisch handlungsfähig machen!“

Im Verlauf des Workshops kamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer überein, dass das Ziel der politischen Bildung sein muss, die Schülerinnen und Schüler politisch handlungsfähig zu machen. Durch aktive Beteiligung der Schülerinnen und Schüler kann das Verständnis für Pluralismus und Demokratie erreicht werden.
Wichtige Rahmenbedingungen für die politische Bildung bietet der bereits in den 70er Jahren formulierte „Beutelsbacher Konsens“:

  • Schülerinnen und Schüler dürfen nicht im Sinne erwünschter Meinungen überrumpelt werden, sondern sollen ein selbständiges Urteil gewinnen. 
  • Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers erscheinen.
  • Schülerinnen und Schüler müssen in die Lage versetzt werden, eine politische Situation und ihre eigene Interessenlage zu analysieren.

Dokumentation: Christoph Schneider und Martin Radigk


Arbeitskreis 3: Multikultur und Integration

„Es geht um die ganz großen Themen“, kündigte Dr. Florian Pfeil an und meinte damit die Themenbereiche Integration, Migration, Flucht und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Zielsetzung seines Arbeitskreises war es, die schulische Um- und Auseinandersetzung mit diesen Themen aufzuarbeiten. Zu diesem Zweck stellten Dr. Florian Pfeil und seine Mitarbeiterin Ramona Kemper (Referentin für politische Bildung Fridtjof-Nansen-Akademie) zwei ihrer Projekte an weiterführenden Schulen vor, bei denen es unter anderem um das Thema Vorurteile ging.
„Multikultur ist mehr als „Deutscher“ und „Ausländer“, hebt Florian Pfeil im Laufe seines Workshops hervor und zeigt auf, dass die Stärken und Fähigkeiten eines jeden einzelnen viel mehr als dessen Nationalität seine Identität ausmachen. Hier müsse man Begegnungsprojekte schaffen, um in einen Austausch zu kommen, der Vorurteile abbauen kann.

Wichtig sind Selbstkompetenz und Wertschätzung

„Gerade vor dem Hintergrund, dass sich Gesellschaften ständig verändern, ist es für Lehrkräfte wichtig, ihren Schülerinnen und Schülern im täglichen Umgang Selbstkompetenz und Wertschätzung zu vermitteln“, so Florian Pfeil. Denn „niemand hat die Lösung, aber viele Menschen haben Ideen.“ Und diese müsse man anpacken und versuchen, zu verwirklichen.
Dokumentation: Eva Schlegel

Arbeitskreis 4: Sprache und Sprachvermittlung

Sabine Lioy, Referentin des Pädagogischen Austauschdienstes der Kultusministerkonferenz, zeigte den Kolleginnen und Kollegen auf, welche Möglichkeiten es für Sprache und Sprachvermittlung im Rahmen von EU-Programmen gibt. Hierbei stellte sie u. a. das Projekt „Erasmus plus“ vor, das Sprach- und Kulturvermittlung auch im Schulbereich ermöglicht.

Für alle Fachrichtungen und Schularten offen...

„EU-Programme und Projekte, in denen man Kultur und Sprache vermitteln kann, sind für alle Fachrichtungen offen und auch für alle Schulformen und Schulstufen“, betonte Sabine Lioy. „Es geht dabei nicht nur darum, wie ich Schülerinnen und Schülern helfen kann, Sprachkenntnisse zu erwerben, sondern auch um neue Möglichkeiten, wie man als Lehrkraft seine Fremdsprachenkenntnisse und die entsprechende Didaktik auffrischen kann.“

Dokumentation: Marlies Kahn und Regina Bollinger


Arbeitskreis 5: Wertewandel und Erziehung

Als Ziel des Arbeitskreises benannte Referent Manuel Lillig, Traumatisierung bei Menschen mit Fluchterfahrung zu verstehen und anhand eines Modells Umgangsmöglichkeiten zu erhalten. „Die Menschen, die zu uns geflohen sind, haben einen Verlust von Heimat und Familie erlebt. Auf ihrer Flucht haben sie unterschiedlich schlimme Erfahrungen gemacht.“ Daher sei es wichtig, Betroffene differenziert dort abzuholen, wo sie in ihrer jeweiligen Ankommens-Situation stehen.
Durch die Erläuterung von schulischen Abläufen, das Einhalten von Klassenritualen, den Erwerb der deutschen Sprache, die mögliche Interaktion mit Gleichaltrigen leiste Schule einen wichtigen Beitrag zur Trauma-Bekämpfung. Schulen lieferten durch ihren stabilen und sicheren Rahmen die Grundlage für eventuell notwendige Trauma-Therapien.

Wichtig ist die Wertschätzung der kulturellen Heterogenität

Die Angekommenen sollten ein Teil unserer Gesellschaft werden. Unser schulisches System biete einen transparenten Umgang mit unseren Rollenbildern von Mann und Frau und eine Wertevermittlung unserer westlichen Kultur, so Manuel Lillig.

Dokumentation: Nicole Weiß-Urbach

„Der Journalist ist Beobachter, nicht Richter!“

„Der Journalist ist Beobachter, nicht Richter!“

Bernd Karst, der die Fragerunde mit Udo van Kampen moderierte, stieg mit der These ein, dass ein verstärkter Kampagnen-Journalismus zu beobachten sei. Er führte hierzu das Beispiel der Griechenland-Krise oder der Schulpolitik in Deutschland an (Forderung nach mehr Inklusion, Forderung nach einer Schule für alle oder Forderung nach Erhöhung der Abiturquote). Die jeweilige Problematik einmal aufgegriffen führe dazu, dass sich dann alle journalistischen Richtungen darauf stützten und die Fragestellung hochstilisierten oder erst für eine Sensibilisierung sorgten, die so nicht den Tatsachen entspräche.

Van Kampen bestätigte, dass Meinungsbilder und Entwicklungen in der Gesellschaft „angestachelt“ von der kampagnenhaften Arbeit der Medien zu beobachten seien. Er warnte davor, dass sich Journalisten von ihrer Aufgabe des Beobachters abwenden und sich in der Rolle des Richters sehen. Die Aufgabe des Journalisten sei es, so van Kampen, seine Quellen gründlich zu recherchieren und „gegenzuchecken“, damit die Objektivität nicht durch die persönlichen Emotionen verloren gehe. Journalistisches Arbeiten müsse echte Informationen und keine Meinung transportieren.


Udo van Kampen (links): „Mache dich als Journalist nie mit einer Sache gemein, selbst wenn es eine gute ist.“

Am Beispiel der Flüchtlingskrise machte Udo van Kampen deutlich, dass hier weitgehend die Schicksale im Mittelpunkt standen und nicht die sich daraus ergebenden Konsequenzen. In diesem Zusammenhang erinnerte er an das Zitat des verstorbenen Moderators der Tagesthemen Hajo Friedrich: „Mache dich als Journalist nie mit einer Sache gemein, selbst wenn es eine gute ist.“

Aufgabe von Journalismus sei es, möglichst viele Standpunkte zu recherchieren und gegenüberzustellen. Nur so werde dem Leser oder Zuschauer das Angebot gemacht, sich eine eigene Meinung zu bilden. Der Journalist müsse mit Respekt gegenüber den politisch Engagierten auftreten, ihre Ansätze objektiv weitergeben und sich davor hüten, sein Urteil in die Berichterstattung einzubringen.

Rolle der Eltern und Lehrkräfte

Das Familienbild habe sich verändert, so van Kampen. Aber dennoch müsse in der Familie das richtige Umfeld für die Entfaltung und Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit geschaffen werden. Die Erziehungsaufgaben dürften nicht an die Schule abgegeben werden und zuhause alles nach dem Prinzip „laisser-faire“ gestaltet sein. Die wichtige Rolle, die der Familie auf den verschiedenen Etappen des Lebensweges junger Menschen zukomme, belegte der Journalist an seiner eigenen Lebensgeschichte. Seinen beruflichen Werdegang hätte er nie so durchlaufen können, wenn ihn seine Frau nicht unterstützt und Sorge für die Familie getragen hätte. Bei jeder seiner beruflichen Neuorientierungen und den damit notwendigen Umzügen sei sie es gewesen, die den drei Töchtern geholfen habe, sich im neuen Umfeld, in der Sprache oder in dem neuen Freundeskreis zurecht zu finden. Eltern, so der Journalist, hätten eine große Verantwortung, diese müsse gesellschaftspolitisch immer wieder bewusst gemacht werden.

Bernd Karst ergänzte, dass eine Entprofessionalisierung des Lehrerberufes zu befürchten sei, weil viele Erziehungsaufgaben in der Schule geleistet werden sollen oder sogar müssen, die in früheren Generationen vom Elternhaus selbstverständlich bewältigt worden seien. Van Kampen gab zu bedenken, dass der Respekt gegenüber Lehrerinnen und Lehrern gelitten habe, was – so unterstrich er - aber auch am Erscheinungsbild und Auftreten mancher Lehrerinnen und Lehrer, die sich an die Jugendlichen anpassen wollten, liegen könne. Es sei wichtig und notwendig, dass Lehrerinnen und Lehrer Interesse an den Themen der Zeit zeigen, z. B. an den Sozialen Medien. Er forderte hier sogar dazu auf, sich mit den Schülerinnen und Schülern im Umgang mit
Facebook und Twitter auf gleicher Stufe zu treffen, um über die Inhalte auf Augenhöhe diskutieren zu können.

Stärkung der Dualen Ausbildung und Beseitigung des Fachkräftemangels

Es gelte Persönlichkeiten zu formen, dabei dürfe der Bildungsweg keine Rolle spielen, so Udo van Kampen. Der Wohlstand in Deutschland basiere auf mittelständischen Betrieben, die verlässliche Mitarbeiter benötigten. Es komme zu gravierenden wirtschaftlichen Folgen, wenn der Fachkräftemangel weiter ansteige. Das Image, aber auch die Vergütung von Handwerks- und Pflegeberufen müsse daher in Deutschland massiv verbessert werden.


Dokumentation der Gesprächsrunde: Monika Antoni


Zum Abschluss des Fachkongresses lassen Saskia Tittgen und Christoph Krier den Tag noch einmal Revue passieren.